Durch Trance die Angst besiegen

 

Ob Schlafstörungen oder Raucherentwöhnung – mittels Hypnotherapie können Patienten bereits nach wenigen Therapiestunden auf nachhaltige Heilung hoffen. Beim jährlichen Hypnosekongress in Bad Kissingen ging es Ende März 2017 rund um die Thematik „Trauma, Konflikte und Kulturen“.

Bietet genügend Platz für die vielen Kongressteilnehmer: Regentenbau in Bad Kissingen

Den gut gemeinten Tipp ihrer Mentaltrainerin hatte sich Britta Steffen eingebläut, als sie 2008 in Peking endlich ihrem lang ersehnten Triumph entgegen schwimmt: „Wenn die chinesischen Zuschauer ‚China, China‘ brüllen, und das tun sie auch, wenn gar keine eigenen Athletinnen am Start sind, dann höre einfach ‚Britta, Britta‘“. Olympisches Gold, und das gleich zweimal, holte die Freistilspezialistin in jenem Jahr. Steffen ist überzeugt, dass sie diesen grandiosen Doppel-Erfolg vor allem der Arbeit mit ihrer damaligen Hypnotherapeutin verdankt.


Denn lange eilte ihr der Ruf des „Sensibelchen“ voraus, erzählte die heute nicht mehr aktive Schwimmerin in einem Vortrag auf einer der Jahrestagungen der Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (M.E.G.) in Bad Kissingen. Stets Top-Leistungen im Training und körperlich fit, aber am Startblock plötzlich vom Gedanken geplagt, die Konkurrenz werde sie sicher abhängen. Wie aber wird aus einem Schwimmtalent eine realistische Anwärterin aufs Siegertreppchen?

„Hypnose ist immer dann hilfreich, wenn sich das Individuum in einer kognitiven oder emotionalen Sackgasse befindet, in der die gewohnten Denk- und Affektmuster versagen“, erläuterte Professor Dr. Dirk Revenstorf in einem Gespräch am Rande des diesjährigen Hypnosekongresses. Zum Anwendungsportfolio gehöre eben auch, das Erregungsniveau in Stress-Situationen wie dem Wettkampf oder bei einer Präsentation zu optimieren.

Der Tübinger Psychologe gehörte zu den rund 1.400 Medizinern, Psychologen und Psychotherapeuten, die sich Ende März vier Tage lang in rund 120 Workshops und Vorträgen auf den neuesten wissenschaftlichen Stand brachten. Vor dem Hintergrund der aktuellen Migrationswanderungen drehte sich in der Kurstadt alles um „Trauma, Konflikte und Kulturen“. Elsbeth Freudenfeld, M.E.G.-Vorsitzende, forderte die Teilnehmer zum Auftakt des Kongresses auf, über wirksame Therapieangebote für traumatisierte Menschen speziell aus anderen Kulturkreisen nachzudenken.

Hypnose-Experte Dirk Revenstorf

Dass Fehldiagnosen bei Migranten offenbar häufiger erfolgten als bei Menschen ohne Migrationserfahrung, schilderte der Göttinger Psychologe Ibrahim Özkan. Schließlich diagnostizierten Behandler schnell einmal ein „ütw-Syndrom (überall tut weh)“, wenn ein Patient aus einem anderen Kulturkreis über Schmerzen klage. Gelegentlich werde er auch an einen Kollegen verwiesen, der vermeintlich dessen Sprache spricht. Notwendig seien in solchen Fällen eine sorgfältige Betrachtung der familiären Situation und der körperlichen Konstitution, möglicherweise auch ein Blick auf die spezifischen Motive einer Migration. Manchmal sei schon etwas mehr Zeit und Neugier für die fremden Rituale und Traditionen hilfreich. „Sehen Sie den Patienten als einzigen Experten seiner Kultur“, forderte Dr. Özkan.

Die traumatischen Spätfolgen von Flucht und Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkrieges wurden in mehreren Vorträgen aufgegriffen. So berichtete der Psychologe Martin Busch von Panikattacken einer älteren Patientin nach erfolgreicher Operation eines Armbruchs. Schnell war klar, dass sie bereits als Kind auf der Flucht traumatischen Ereignissen ausgesetzt war. Auch damals brach sie sich den Arm, woran sie sich aber partout nicht mehr erinnern konnte. Nach der therapeutischen Aufarbeitung des lange zurückliegenden Traumas in nur einer Sitzung „sei das Thema dann durch gewesen“. Es kam zu keinen weiteren Angstzuständen.

Mit dem düsteren Kapitel der Massenvergewaltigungen in der sogenannten „Niemandszeit“ (der Zeitraum zwischen Ende der Kämpfe und dem Beginn der friedlichen Zeit) durch die Angehörigen sämtlicher Besatzungsmächte setzte sich Professorin Dr. Miriam Gebhardt auseinander. Wie ein roter Faden ziehe sich das Fehlen von Gesprächsmöglichkeiten über die schrecklichen Taten durch die Biographien der Opfer. „Bis in die Gegenwart“ herrsche ein kollektives Schweigen – aufgrund von Scham und Schuld. 40 Prozent der Opfer hätten nach einer Studie ein posttraumatisches Belastungssyndrom entwickelt. Traumatische Erinnerungen kämen bei den heute Hochbetagten bereits durch kleine Auslöser hoch. So reiche es manchmal schon aus, dass sie russische Worte aufschnappten, erklärte die Historikerin.

Die psychosozialen Folgen gewaltsamer Konflikte sind ein Forschungsschwerpunkt von Professorin Dr. Christine Knaevelsrud. Die langjährige wissenschaftliche Leiterin des Folter-Behandlungszentrums in Berlin verwies in ihren Ausführungen auf die mehr als 200.000 Verschwundenen in Kolumbien. Deren Angehörige litten extrem darunter, nicht zu wissen, ob die verschwundene Person jemals wieder auftauche. Diese erhöhte Belastung könne zu einer komplizierten Trauer führen, die sich in heftigen Emotionen wie Angst und anhaltender Wut äußere. Im Vergleich zur einfachen Trauer, bei der langfristig keine gesundheitlichen Folgen zu befürchten seien, könnten bei der komplizierten Trauer unter anderem Schlafprobleme, Ess-Störungen und eine Vernachlässigung der sozialen Netzwerke auftreten.

Ob Trauer, Schlafstörungen, Ess-Sucht oder Burnout – durch die Hypnotherapie können Patienten recht rasch Heilung erfahren. Vor allem Mediziner wendeten dieses Verfahren immer häufiger an, sagte Professor Revenstorf im Interview. Als Beispiele nannte er die Begleitung von medizinischen Eingriffen wie Operationsvorbereitungen und die Linderung von Übelkeit bei der Chemotherapie. „Durch Hypnotherapie kann mit durchschnittlich fünf Sitzungen eine recht hohe Effektstärke erreicht werden“, erklärte der Psychologe mit Bezug auf ausführliche Studien.

In der Pause mit Fachliteratur eindecken: Bücherstand beim Hypnosekongress

Trotz der relativen Kürze der Behandlung ist der Therapieerfolg nachhaltig. Revenstorf spricht von zwei Jahren beispielsweise bei Migräne und einem Jahr bei Schlafstörungen und Tabakentwöhnung. Sehr groß ist übrigens die potentielle Zielgruppe dieser Therapieform. Rund 90 Prozent der Bevölkerung seien in der Lage, in eine hypnotische Trance zu gehen. In einem solchen Zustand entfielen dann viele Beschränkungen des gewohnten Denkens wie „Das soll ich nicht“ und „Das hat noch nie geklappt“.

 

Mit fragwürdigen Bühnenhypnosen hat die klinische Hypnose nichts gemein. Solche Unterhaltungsdarbietungen müsse man als Kult betrachten, bei dem es im begrenzten Rahmen gestattet ist, über die Stränge zu schlagen, betont der Experte. Dagegen setzt die als Weiterbildung organisierte Hypnoseausbildung in allen Fällen eine psychologische oder medizinische Approbation und Berufspraxis als Psychotherapeut voraus. Revenstorf: „Die Weiterbildung ist mit rund 250 Stunden Umfang inklusive Supervision so gründlich, dass sie einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Verfahren ermöglicht“.

                                                                                          Ludger Kersting, Freier Journalist, Bonn (Text und Fotos)

 
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